6. Die wichtigsten Lehrtraditionen (2) Entwicklungen des Mahayana

Auszug aus Lotus Sutra

Auszug aus Lotus Sutra"

Hierbei handelt es sich um Ausschnitte (Kapitel 1, Kapitel 2 und Kapitel 16) des Lotus Sutra, eines der beliebtesten und einflussreichsten der Mahayana-Sutras. Die ältesten Teile des Texts wurden vermutlich zwischen 100 v. u. Z. und 100 n. u. Z. verfasst. Der Großteil des Textes ist um 200 nach unserer Zeitrechnung erschienen. Ursprünglich in Sanskrit verfasst, wurde der Text unverzüglich bis 300 n. u. Z. ins Chinesische übersetzt und wurde so zu einem der am weitesten verbreiteten Sutras in Ostasien. Es enthält wichtige Innovationen im Hinblick auf die Lehrinhalte, wie etwa die Vorstellung eines überweltlichen Buddhas, der beständig seine Lehren anpasst, um dem empfindsamen Wesen dabei zu helfen, Befreiung zu erlangen.

Auszug 1

Also habe ich gehört. Einst weilte der Buddha in Rajagrha auf dem Berg Grdhrakuta mit einer Versammlung von großen Mönchen […]. Nachdem der Buddha dieses Sutra gepredigt hatte, saß er mit gekreuzten Beinen und ging in die Versenkung (Samadhi) von der unermesslichen Bedeutung ein. Körper und Geist bewegten sich nicht. Da ließen die Devas (Himmlischen) Mandarava-Blumen, große Mandarava-Blumen, Manjusaka-Blumen, große Manjusaka-Blumen herabregnen und zerstreuten sie über Buddha und die großen Versammlung.
Alle Buddha-Welten wurden sechsmal erschüttert.
Da sahen in der Versammlung die Mönche und Nonnen, Laienanhänger und Laienanhängerinnen […], Devas, Nagas, Yaksas, Gandharvas, Asuras, Garudas, Kimnaras, Mahoragas, Menschen und andere Lebewesen (Nicht-Menschen), die verschiedenen kleinen Könige, die raddrehenden heiligen Könige […], diese vielfältige große Versammlung in Erwartung von Dingen, die noch nie dagewesen, mit zusammengelegten handflächen (Mudra Anjali) voll Freude und eines Herzens zu Buddha auf.
Der Buddha entließ nun aus dem Kreis von weißem Haar zwischen den Augenbrauen einen Lichtstrahl. Er erhellte im Osten achtzehntausend Welten, ohne einen Platz auszusparen. Nach unten reichte er bis zur Avici-Hölle, nacho ben bis zum Akanistha-Himmel. In dieser Welt sah man insgesamt die Lebewesen der sechs Stadien der Existenz […].

Auszug 2

Zu dieser Zeit kam der in aller Welt Verehrte ruhig und klar aus seiner Versenkung empor und wandte sich an Sariputra: “Die Weisheit aller Buddhas ist sehr tief und unermesslich. Die Lehre dieser Weisheit ist schwer zu begreifen, und es ist schwer, in sie einzudringen. Alle Sravakas und Pratyeka-Buddhas können sie nicht begreifen.
Warum ist es so? Ein Buddha ist seit langer Zeit in enger Verbindung mit Hunderten von Tausenden von Zehntausenden von Hunderttausenden, all den unzähligen Buddhas, praktiziert bis zum letzten die unermesslichen Weg-Gesetze aller Buddhas. Mutig voranschreitend verkündet er deren Namen, dass sie allgemein gehört werden, und vollendet das äußerst tiefe Gesetz, das noch nicht dagewesen. Entsprechend der passenden Weise lehrt er das, dessen Sinn zu begreifen schwierig ist. Sariputra, seitdem ich Buddha geworden bin, lege ich anhand mannigfaltiger Ursachen und Wirkungen (Karmas) und mannigfaltiger
Gleichnisse die Lehre weithin dar, mit unzähligen geschickten Mitteln führe ich die Menschen und veranlasse sie, sich von den verschiedenerlei Dingen, denen sie verhaftet sind, abzutrennen.

Auszug 3

Seitdem ich die Brüderschaft erlangt habe,
Sind vergangen eine Zahl von Kalpas,
Unermesslich Hunderte von Tausenden von Zehntausenden
[...]
Beständig predige ich das Gesetz, lehre und verwandle.
Zahllose Kotis von Lebewesen
Veranlasse ich, auf dem Buddha-Weg zu gehen.
Und unermessliche Kalpas lasse ich,
Der ich gekommen für die Befreiung des Menschen,
Mit dem geschickten Mitteln das Nirwana sehen.
Aber in Wahrheit bin ich nicht erloschen und hinübergegangen.
Beständig bin ich hier und predige das Gesetz.
Dann werde ich mit der gesamten Mönchsgemeinde
Auf dem Geierspitzberg erscheinen.
Ich werde zu der Zeit zu den Lebewesen sprechen,
Dass ich beständig hier sei und nicht erlösche.

Auszüge aus Kapitel 1, 2 und Kapitel 16 des Lotus-Sutra.
Aus: Borsig, Margareta von (2003): Lotos-Sūtra. Das große Erleuchtungsbuch des Buddhismus; vollständige Übersetzung. Taschenbuchausg., 2. Aufl. Freiburg im Breisgau, Basel, Wien: Herder (Herder-Spektrum, Bd. 5372), S. 31, 36, 57, 287 u. 288.

Bodhisattva

Bodhisattva

Wheel of Samsara

Hierbei handelt es sich um eine Darstellung eines Bodhisattva, genannt Avalokiteshvara. Ein Bodhisattva entspricht dem Ideal eines Mahayana-Praktizierenden, der nach Erleuchtung strebt, und dabei zugleich andere Wesen in eben diese Richtung führen will. Überdies brachte diese Idee die Verehrung des himmlischen Bodhisattvas hervor, der zur Erreichung der Befreiung um Hilfe angerufen wird.

Bodhisattva Avalokiteshvara mit eintausend Händen und eintausend Augen 11.-12. Jahrhundert
China
Bronze
Quellenangabe: Rogers Fund, 1956
Metropolitan Museum of Art (New York)
http://www.metmuseum.org

Amitayus Buddha in seinem Paradies

Amitayus Buddha in seinem Paradies

Wheel of Samsara

Dieses Bild stellt Amitayus dar, einen der am höchsten verehrten überweltlichen Buddhas im Pantheon des Mahayana. Diese Darstellung eines wundersamen Paradieses reflektiert die Entwicklung von einem abstrakten Ideal der Befreiung – wie der Auslöschung im Nirwana – hin zu einem eher versöhnlichen Himmel. /p>

Amitayus Buddha in seinem Paradies
Ca. 1700
Tibet
Temperafarbe mit Gold auf Tuch
Quellenangabe: Erwerb, Barbara und William Karatz
Metropolitan Museum of Art (New York)
http://www.metmuseum.org